Die Rosa-Hellblau-Falle (aus Sicht eines Vaters)

Alle Eltern kennen das Thema nur zu gut: Die Rosa-Hellblau-Falle zieht sich durch jedes Kinderalter, vom Baby bis zum Pubertierenden stellt sich diese Frage hartnäckig und Jahr für Jahr immer wieder. Rosa steht für Mädchen, hellblau für Jungs. Das wissen alle Kinder heutzutage. Diesem Thema widmet sich unser Papa-Blogger Göran und erzählt aus Sicht eines Vaters, wie er die Rosa-Hellblau-Falle am Beispiel seiner beiden Kinder sieht.

Schauen wir mal 100 Jahre zurück

Denn so wie oben beschrieben und Land auf Land ab bekannt war das nämlich nicht immer so. Bis vor 80 Jahren waren die Farben noch umgekehrt verteilt. Rosa stand für Jungs und blau für Mädchen. Das amerikanische Frauenmagazin „Ladies Home Journal“ schrieb im Jahr 1918: „Der Grund dafür ist, dass Rosa als entschlossenere und kräftigere Farbe besser zu Jungen passt, während Blau, weil es delikater und anmutiger ist, bei Mädchen hübscher aussieht.“ Hundert Jahre später sieht unsere Gesellschaft das offensichtlich genau andersherum. 

Brauchen wir überhaupt bestimmte Kleidung, um das Geschlecht unseres Kindes zu definieren?

Wir alle kennen die typischen Kleidungsstücke, in denen man Jungs und Mädchen häufig sieht. Während man Jungs jahrelang nur in roten T-Shirts mit aufgedruckten Rennwagen mit Gesichtern gesehen hat, waren Mädchen in hellblauen Kleidchen mit Schneeflocken, Eiskristallen und einer Prinzessin mit seitlich blond geflochtenem Zopf gekleidet. Die Disney-Vermarktungsmaschinerie läuft eben erfolgreich auf Hochtouren. Und die Kinder sehen in diesen Kleidungsstücken ja so süß aus.

Soll ich mein Kind praktisch oder süß anziehen?

Ich persönlich ziehe meine Tochter morgens eher „praktisch“ an, wenn ich ihr mal ihre Kleidung aussuche. Das Thermometer zeigt 5 Grad Celsius an? Dann wäre doch die dicke rote Strumpfhose mit den blauen Sternen und dazu die gefütterte Jeanshose perfekt. Dazu ein Unterhemd und ein Fleece-Pullover mit Reißverschlusskragen. Welche Farbe der Pullover hat, spielt dabei für mich gar keine Rolle. Für meine 6-jährige Tochter zum Glück auch – noch – nicht.

Jungs dürfen sich die Fingernägel lackieren – aber doch nicht rot!

Als unser Sohn noch im Kindergarten war, wollte er sich gerne die Fingernägel lackieren. Er hatte es bei Mama gesehen und es gefiel ihm. Er wollte gerne jeden Fingernagel in einer anderen Farbe lackiert bekommen. Meine Frau hat ihm diesen Wunsch mit Kindernagellack natürlich gern erfüllt. Sein „erstes Mal“ mit lackierten Nägeln im Kindergarten wurde von den Erzieherinnen zuerst noch belächelt und mit einem wohlwollenden Kopfschütteln begleitet. „Diese Kinder. Haben wirklich verrückte Ideen.“

Unterstützen Männer/Väter vielleicht das Rollenklischee?

Als er jedoch häufiger mit lackierten Fingernägeln in den Kindergarten kam, sank die Toleranzgrenze zunehmend. Vor allem, als er knallrot lackierte Nägel hatte. Er musste sich nun öfter von den anderen Kindern anhören, dass er das nicht „dürfe“. Besonders die Jungs in seiner Gruppe haben ihm diese „Wahrheit“ unbedingt vermitteln wollen. Klar, sie fanden die bunten Fingernägel ihres Kumpels toll und wollten ebenfalls gerne lackierte Nägel. Aber zu Hause hat man(n) ihnen erklärt, dass nur Mädchen ihre Fingernägel lackieren dürfen. Jungs dürfen sowas gar nicht tun. Selbst die drei- oder vierjährigen Jungs aus unserem näheren Freundeskreis durften das nicht. Während die Mütter noch hin- und hergerissen waren, ihrem kleinen Schatz diesen einfachen Wunsch vielleicht doch erfüllen zu wollen, haben die Väter dies vehement verhindert. Denn das kam für sie überhaupt nicht in Frage.

Wohin hat das nun geführt?

Man könnte meinen, diese Erfahrung liegt etwa 50 Jahre zurück. Weit gefehlt. Er ist mittlerweile elf Jahre alt und hat sich trotz lackierter Nägel erstaunlicherweise normal entwickelt. Er lackiert sich die Fingernägel übrigens nicht mehr. Manchmal malt er sie noch mit schwarzem Filzstift an, aber nur, wenn er sich in der Mathestunde zu sehr langweilt.

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Dürfen Mädchen auch mit Autos spielen?

Unsere Tochter hat – dank ihres großen Bruders – schon immer viel mit „typischen“ Jungs-Spielsachen gespielt. Das ist das Glück der jüngeren Geschwister: Sie kommen auf die Welt und haben schon ein Kinderzimmer randgefüllt mit Spielsachen. Wie toll! Es gab (und es gibt immer noch) viele Rennautos, noch mehr Lego, mehrere Ritterburgen von Playmobil, ferngesteuerte Fahrzeuge, Fußbälle und unzählige Drachen. Da stürzt sich ein einjähriges Kind – egal welchen Geschlechts – natürlich freudestrahlend drauf. Aber selbstverständlich waren auch die Puppen und Kuscheltiere interessant.  

Umgekehrt kam der Sohn in den Genuss, mit einem Puppenhaus und einer Küche spielen zu dürfen. Was er sehr gerne getan hat. Es hat beiden nicht geschadet. Siehe oben.

Und was sagen die Experten zur Rosa-Hellblau-Falle?

Wir alle wissen, wie wichtig Spielen für unsere Kinder ist. Es ist das Wichtigste überhaupt in einem Kinderleben. Das Spielen hat großen, positiven Einfluss auf die seelische, körperliche und kognitive Entwicklung der Kinder. Darum sollte man nach Meinung der Psychologen Spielzeug nicht streng kategorisch nach Geschlechtern einordnen. Denn dadurch werden die Kinder um wichtige Entwicklungs- und Lernmöglichkeiten gebracht.

Interessant wird es dann, wenn die Genderforschung untersucht, ob Spielzeuge strikt für Jungs und strikt für Mädchen getrennt Sinn machen und ob das Spielzeug an sich tatsächlich die Geschlechter prägt. Diese Frage wurde in einem aufschlussreichen Radio-Beitrag beim Deutschlandfunk so beantwortet:

„Ja, dem kann ich zustimmen. Das ist durchaus so …“, sagt Ulrich Brobeil, Geschäftsführer beim Deutschen Verband der Spielwarenindustrie. „Die geschlechtstypische Auswahl von Spielzeug, und ich denke, darauf wollen Sie hinaus, ist einfach Teil der kindlichen Entwicklung. Die Spielwarenhersteller reagieren entsprechend darauf. Wenn eine Nachfrage da ist nach Farben und geschlechtstypischem Spielzeug, dann wird die Nachfrage eben auch bedient, mit dem entsprechenden Spielzeug.“

Rosa oder doch eher hellblaue Zukunft?

Ein Junge, dem man immer wieder die Puppe weggenommen hat, wird später kaum auf die Idee kommen, Grundschullehrer, Krankenpfleger oder Erzieher zu werden? Er wird womöglich einen technischen Beruf erlernen, obwohl ihm ein sozialer Beruf vielleicht mehr gelegen hätte? Wer sich einen Beruf entgegen seiner Neigungen aussucht, kann in diesem nicht glücklich werden? Tja… landläufige Thesen, die sich hier und da hartnäckig halten.

Wir sollten unsere Kinder lieber darin ermutigen, das zu tun, was ihnen Spaß macht. Denn wenn etwas Spaß macht, beschäftigt man sich viel lieber damit und wird darin auch besser. Unser Gehirn verstärkt nur die Synapsen, die auch angesprochen werden. Eine Grundzufriedenheit ist die Grundvoraussetzung für ein glückliches Lernen.

Unternehmen und Universitäten, die viel Geld und Zeit in Girls- und Boys-Days, „Mädchen und Technik“-Praktika, sowie in Forscherinnen-Camps investieren, könnten sich die Mühe und den Aufwand sparen, wenn wir unseren Kindern von klein auf erlauben würden, ihre Interessen selbstbestimmt ausleben zu dürfen. Wie würden unsere Kinder aufwachsen, wenn die Klischeefallen und Schubladen nicht immer wieder bedient würden?

Fazit: Richtig ist (meist), was dem Kind gefällt

In diesem Sinne bringe ich unsere Tochter nun seit Kurzem zweimal pro Woche zum Fußballtraining. Denn das ist der Sport, der ihr Herz höherschlagen lässt. Und was könnte mich als Vater glücklicher machen, als mein Kind glücklich zu sehen? Rufen wir also offiziell zum Widerstand auf, die Genderfalle im Alltag elegant zu umschiffen.

Vielen Dank, dass du uns weiterempfiehlst:

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